Ich habe mir das Hörbuch auf audible gekauft und das war auch gut so, denn als gedrucktes Buch hätte ich Harrys (Auto-)Biografie niemals beendet.
Ich weißt nicht, weshalb ich Prince Harry früher sympathisch fand. Wahrscheinlich nur deshalb, weil er in seinen 20ern süß war und ich eine Schwäche für rootharige Männer habe. Er wirkte in Aufnahmen und Interviews auch immer recht witzig und umgänglich auf mich und ganz ehrlich, die englische königliche Familie ist so "altertümlich", dass das die Royals einfach eine märchenhafte Aura haben. Verglichen mit anderen königlichen Familien in Europa sticht die britische halt doch heraus, weil sie noch unnahbarer wirken als der Rest. Und dass sich das englische Königshaus immer so in Stillschweigen hüllt und eigentlich alles halbwegs Private, was man über sie liest oder hört nur Spekulation ist, habe ich da diese Neugier, noch mehr über die Royals zu erfahren. Ich habe alle Folgen The Crown geschaut und auch die Netflix Doku über Harry und Meghan zumindest angefangen. Ich bin einfach ultra neugierig, was diese Art von Tratsch und Skandal anbelangt.
Nachdem ich nun Harrys Biografie gelesen habe, frage ich mich ernsthaft, weshalb ich Harry jemals sympathisch finden konnte. Denn er ist stinkreich (auch, wenn er das gerne abstreitet) und war Soldat. Und wenn ich etwas wirklich hasse, dann sind das Ultrareiche, deren Reichtum auf der Ausbeutung anderer beruht, und Soldatinnen, deren Beruf es ist, andere Leute zu töten (erlaubt mir die Polemik).
Teil 1 des Buches handelt von Harrys Kindheit und Jugend. Es dreht sich hauptsächlich um das Trauma, das er nach dem Tod seiner Mutter durchlebt hat. Das Loch, in das er gefallen ist; seine selbst erdachte Verschwörungstheorie, dass seine Mutter sich bloß vor den Papparazzi versteckt, weil sie ihn ja ansonsten niemals einfach allein gelassen hätte. Die fehlende Unterstützung seitens der Erwachsenen in seinem Leben, die ihn mit seinen Gefühlen, Ängsten und dem Trauma sich selbst überlassen. Auch sein Bruder William ist ihm keine Hilfe.
Spätestens hier fing es dann an, dass mir Harry unsympathisch wurde. Er stellt seinen älteren Bruder als Fiesling hin, der sich nicht mit ihm abgeben wollte und ihn nur ignoriert hat. Es fehlt Harry aber extrem an Selbstreflexion und Mitgefühl gegenüber seinem Bruder. Er erkennt es nicht an, dass auch William den Tod ihrer Mutter verarbeiten musste. Ganz zu schweigen, dass ältere Geschwister meistens keinen Bock auf die jüngeren haben, weil sie sie als störend empfinden. Klar, William wird wahrscheinlich nicht der beste Bruder aller Zeiten gewesen sein.. Aber auf mich wirkte William wie ein ganz normaler Bruder, wie in jeder anderen "normalen" Familie auch.
Im zweiten Teil geht es hauptsächlich um Harrys Zeit als aktiver Soldat. Ich glaube, diese berüchtigten Szenen über seinen "frostbitten penis" (ich wünschte, es wäre kein direktes Zitat!) sind auch in diesem Teil enthalten. Es war einfach nichts, was ich gerne lesen möchte und ich denke, die meisten anderen Leserinnen können mir da nur beipflichten.
Dieser Teil hat für mich wieder viel beinhaltet, was mich wirklich aufgeregt hat. Diese Schwärmerei für das Militär und dieses Geborgenheitsgefühl, das er dort findet. Ich persönlich finde das nicht nachvollziehbar. Auch die Foltermethoden - man kann es echt nicht anders benennen -, die gegenüber den Rekruten im Rahmen ihrer Ausbildung angewendet wurden, werden einfach hingenommen. Denn wer in dieser Situation Interna ausplaudert und/oder zusammenbricht, wäre für diese Militäreinheit einfach nicht zu gebrauchen. Es wird kurz erwähnt, dass das alles höchstwahrscheinlich gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstoßen hätte. Aber sei's drum, es wäre nötig gewesen. Was zum...?
Dann prahlt Harry noch mit 25 Menschen, die er im Krieg getötet hat. Dabei ist er wieder völlig empathielos und tut diese Leute als Schachfiguren ab. Dann gibt es wieder dieses "sie oder wir"-Ding, das ich eh moralisch verwerflich finde. Und hey, ich werde jetzt sicherlich nicht die Taliban verteidigen, nichts läge mir ferner. Aber es zeigt halt wieder, dass Krieg nur funktioniert, wenn man die andere Seite entmenschlicht. Hätte ich mir da wieder mal mehr Einordnung gewünscht? Zu 100 Prozent. Bin ich selbst schuld, weil ich diesbezüglich Erwartungen an einen Soldaten hatte? Zu 100 Prozent.
Und dass diese Aussage ihn und seine Familie in Gefahr bringen könnte, wurde ja anderweitig schon zur Genüge diskutiert.
Der letzte Teil hat mir dann allerdings besser gefallen. Harrys Liebe zu Meghan ist echt das, was ich am meisten an ihm schätze, und ich glaube, die beiden hätten skandalfrei sehr glücklich leben können, wenn Harry nicht gerade der Sohn des (zukünftigen) Königs gewesen wäre. Ich bin froh für die beiden und kann ihnen nur wünschen, dass sie irgendwann genug Geld haben, um ein Leben abseits des Rampenlichts zu führen. Als Paar finde ich die beiden immer noch super.
Allgemein habe ich trotzdem, wie bereits erwähnt, so gut wie alle "Zuneigung" gegenüber Harry verloren. Und das auch Abseits von dem Reichtums- und Soldatending. Die Gründe dafür sind folgende:
1.) Harry, der ja immer wieder kritisiert, dass private Details über ihn an die Öffentlichkeit kommen, die er lieber privat gehalten hätte, veröffentlicht ein Buch, in dem er lauter private Infos über andere ausplaudert. Er nimmt teilweise kein Blatt vor den Mund, diskreditiert seinen Vater und seine Stiefmutter, seinen Bruder und dessen Ehefrau. Und das alles unter dem Deckmantel der Wahrheit. Außerdem konnte sich Harry extrem sicher sein, dass der Palast keine Gegendarstellung veröffentlichen würde. Er kann also sämtliche schmutzige Wäsche waschen, ohne dass seine Familie ihre Sicht der Dinge preisgeben würde.
2.) All die Widersprüchlichkeiten! Am Anfang erwähnt Harry kurz, dass er grundsätzlich eher ein schlechtes Gedächtnis hat und man ihm deshalb den ein oder anderen Fehler verzeihen sollte... Okay, wir wissen alle, dass sich niemand alles merken kann und Erinnerungen sehr selektiv gespeichert werden. Aber wenn man sich so sehr auf "seine Wahrheit" beruft, sollte man da nicht genaue Faktchecks durchführen? Es wurde ja in den Medien schon einiges aufgedeckt, was sich nicht so abspielen hätte können, wie Harry es schildert.
3.) Harry ist nicht sehr intelligent. Ja, es ist okay, wenn man intellektuell nicht in der höchsten Liga spielt, keine Frage. Ich bin ja selbst auch höchstens durchschnittlich klug. Aber so dümmlich wie er teilweise rüber kommt? Ich glaube, er hat sich mit seinem Buch da echt einen Bärendienst erwiesen.
4.) Harry verliert sich zu oft in Details, die für die Leserschaft einfach völlig uninteressant und irrelevant sind. Aber das, was man wirklich wissen will, wird nicht erwähnt. Worin ging es in diesem ominösen Streit, als William Harry geschlagen hat? Wir können nur spekulieren.
5.) Er ist sich seiner Privilegien nicht bewusst. Das ist mir am meisten sauer aufgestoßen. Nicht ein einziges Mal erkennt er an, dass er sich vieles leisten konnte (finanziell wie auch persönlich), eben weil er ein Prinz ist. Er hat jahrelang ein Leben frei von finanziellen Sorgen geführt und erdreistet sich dann darüber zu meckern, dass sein Vater ihm zu wenig Unterhalt zahlt. Und dabei hat er doch noch die große Erbschaft von Diana. Dass er dieses Geld nicht ausgeben will, ist echt nicht die Schuld des britischen Volks, das ihm doch bitte seinen Lifestyle ohne Murren finanzieren soll. Weil das Königshaus brächte ja viel mehr ein, als sie kosten. (Wir wissen alle, dass das Quatsch ist. Touristinnen würden sich den Buckingham Palace auch anschauen, wenn er unbewohnt wäre!)
6.) Seine Abfälligkeit gegenüber dem Volk/den Normalbürgerinnen. Immer wieder erwähnt er, dass er von Normalos angesprochen wird, die ihm berichten, wie schlimm der Tod von Diana für sie war. Ja, das ist von deren Seite tatsächlich irgendwo respektlos und mit der Trauer ihres Sohnes nicht zu vergleichen. Aber er muss auch mal überlegen, wie absurd dieses ganze Volk-Köngishaus-Verhältnis ist. Ohne diese parasoziale Beziehung wäre die königliche Familie wohl extrem schnell obsolet. Dann lässt er sich auch darüber aus, wieso die Leute sich für die Hochzeit seines Bruders interessieren. Diese Bauern sollten sich doch bitte um ihr eigenes Leben kümmern.
Er hat auch kein Verständnis für Leute, die Fotos von ihm für zehntausende Pfund an die Presse verkaufen. Erstens, wie naiv bist du bitte, dass du nach all den Jahren im Rampenlicht denkst, dass wenn du nackt Billiard mit Wildfremden spielst, niemand die Fotos an die Presse verkaufen würde. Und zweitens, hast du vielleicht auch nur einmal darüber nachgedacht, dass die Hotelangestellte mit diesem einen Foto wahrscheinlich so viel verdient wie sonst das ganze Jahr? Klar, es ist ein Angriff auf seine Privatsphäre und moralisch trotzdem sehr verwerflich, private Fotos zu verkaufen. Aber mein Mitleid hält sich in diesem Fall mit ihm sehr in Grenzen.
7.) Immer sind die anderen Schuld. Ein Beispiel hierfür ist, dass William und Cate ihn zu dem berüchtigten Nazikostüm ermutigt hätten. Alter, übernimm mal selbst Verantwortung für den Mist, den du verzapfst! Haben die beiden dich gezwungen, das anzuziehen? Nein! Du hast dir das Kostüm selbst ausgewählt. (William und Cate sind trotzdem problematisch, weil sie das Kostüm für eine gute Idee gehalten haben.)
8.) Seine Ignoranz gegenüber seiner eigenen Familiengeschichte. Obwohl ich es verstehen kann, dass Harry genervt davon war, dass sein Geschichtslehrer immer davon ausgegangen ist, dass Harry alles über sämtliche seiner Vorfahren wissen müsste, sollte er aufgrund dessen, wer er ist, meiner Meinung nach wenigstens etwas Interesse zeigen. Einerseits ist das ganze Buch ein einziger Rant darüber, weshalb er nur die Zweitbesetzung für William war und auch so behandelt wurde, aber andererseits hat er auch keine Lust auf den Druck, der dem Thronfolger zuteil wurde. William wäre bei miserablen Schulnoten sicher nicht so leicht davongekommen. Again, check your privilege.
9.) Er setzt die Klatschpresse mit seriösen Zeitungen/Nachrichtenquellen gleich. Diese undifferenzierte, allumfassende "Medienkritik" ist mir einfach ein Dorn im Auge. Er kann sehr gerne die Yellow Press dafür kritisieren, wie sie konstant seine Privatsphäre und die seiner Familienmitglieder sowie sämtlicher anderen Promis verletzen. Er kann auch meinetwegen nie wieder ein Interview mit ihnen führen und sie für jede Falschmeldung und Behauptung verklagen. Alles cool, alles gerechtfertigt. Aber sämtliche Journalist*innen über einen Kamm zu scheren und mit dem altbekannten "Lügenpresse"-Stempel zu versehen, zeugt meiner Meinung nach mal wieder davon, dass Harry nicht die hellste Kerze ist.
10.) Zu guter Letzt möchte ich noch darauf eingehen, dass Harry einfach nie über seinen eigenen Tellerrand hinausschaut. Er hat sich offenbar noch nie in seinen Bruder oder den Rest seiner Familie hineinverssetzt. Für ihn gibt es nur eine richtige Sicht der Dinge, seine eigene. Alle anderen hätten ihn aus Bosheit und Dummheit im Stich gelassen. Dass es William sicherlich auch nicht einfach hat, dass es Cate mit den Paparazzi auch schwer hatte, dass die beiden sich ja auch mal aufgrund des Medienrummels getrennt hatten, das kommt Harry wohl nie in den Sinn.
Meiner Meinung nach hätte Harry eher noch ein paar Jahre Therapie machen und sich erstmal auf sich und seine Familie mit Meghan konzentrieren sollen. Finanziell wäre das wahrscheinlich schwieriger geworden, aber für das psychische Wohlbefinden wäre es bestimmt besser.