Peter73 reviewed Die gerettete Zunge by Elias Canetti (Fischer-Taschenbücher, #2083)
Zunge, Stimme, Herkunft: Mein Blick auf Canettis Kindheit
4 stars
Ich lese Elias Canettis „Die gerettete Zunge“ als Erinnerungsarbeit über die Geburt einer Stimme. Aus dem vielsprachigen Rustschuk an der Donau führt der Weg der Familie nach Manchester, dann nach Wien, und später noch nach Zürich. Früh bricht die Kindheit: Der Vater stirbt, die Mutter wird Lehrerin. Sie zwingt den Sohn ins Deutsche, und er lernt, dass Sprache nicht nur gehört, sondern bestanden werden muss.
Mich bewegt, wie Canetti Herkunft als Klangraum begreift: Märkte und wechselnde Sprachen formen ein Ohr, das später Schrift wird. Das titelgebende Motiv: Ein Mann droht dem Kind, die Zunge abzuschneiden; gerettet bleibt, was sprechen kann. Von da an wird das Wort zugleich Zuflucht und Aufgabe.
Die Stationen des Buchs sind Innenräume: Schulzimmer, Küchen, Bibliotheken. Canetti protokolliert Gesten, Blicke, Sätze; er verurteilt, doch er vergisst nichts. In der strengen Beziehung zur Mutter zeigt sich die Schule des genauen Hinsehens – und der Preis der …
Ich lese Elias Canettis „Die gerettete Zunge“ als Erinnerungsarbeit über die Geburt einer Stimme. Aus dem vielsprachigen Rustschuk an der Donau führt der Weg der Familie nach Manchester, dann nach Wien, und später noch nach Zürich. Früh bricht die Kindheit: Der Vater stirbt, die Mutter wird Lehrerin. Sie zwingt den Sohn ins Deutsche, und er lernt, dass Sprache nicht nur gehört, sondern bestanden werden muss.
Mich bewegt, wie Canetti Herkunft als Klangraum begreift: Märkte und wechselnde Sprachen formen ein Ohr, das später Schrift wird. Das titelgebende Motiv: Ein Mann droht dem Kind, die Zunge abzuschneiden; gerettet bleibt, was sprechen kann. Von da an wird das Wort zugleich Zuflucht und Aufgabe.
Die Stationen des Buchs sind Innenräume: Schulzimmer, Küchen, Bibliotheken. Canetti protokolliert Gesten, Blicke, Sätze; er verurteilt, doch er vergisst nichts. In der strengen Beziehung zur Mutter zeigt sich die Schule des genauen Hinsehens – und der Preis der Begabung: Einsamkeit, Pflicht, Wachheit. Wien erscheint als Bühne der Bildung.
Stilistisch lese ich Sätze mit Ironie. Nichts wird sentimental ausgeschmückt; gerade deshalb glühen Details. „Die gerettete Zunge“ endet nicht mit einer Krönung, sondern mit einer Haltung: Sprache als Gewissen. Ich klappe das Buch mit dem Eindruck, einem Ohr beim Wachsen zugesehen zu haben – und einer Zunge, die bewahrt wurde, um später zu widersprechen.
