Peter73 reviewed Geschlossene Gesellschaft by Jean-Paul Sartre
Kein Feuer, nur Blicke: Mein Besuch in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“
4 stars
In Geschlossene Gesellschaft betrete ich einen Salon ohne Fenster und ohne Spiegel. Nichts schreit, nichts brennt, doch die Ruhe täuscht. Garcin, Inès und Estelle treten ein und verlieren sofort die Möglichkeit zur Flucht. Der Raum wirkt wie ein höflicher Empfang, tatsächlich ist er ein Versuchsaufbau. Ich spüre von Beginn an, wie Höflichkeit in Kontrolle kippt und wie schnell aus Smalltalk ein Geständnis wird.
Auch der zweite Schritt in „Geschlossene Gesellschaft“ bestätigt den Verdacht. Garcin verlangt Anerkennung für eine Vergangenheit, die er selbst nicht glaubt. Inès benutzt den Blick wie ein Werkzeug der Demontage. Estelle sucht ein Spiegelbild und findet nur Zeugen, die nicht blinzeln. Das Zimmer verwandelt sich in ein System aus gegenseitigen Urteilen. Kein Wärter ist nötig. Die anderen reichen aus, um Selbstbilder zu verfestigen und Schuld festzunageln.
Beim Lesen erkenne ich die Logik der mauvaise foi. Wir flüchten in Rollen, um Freiheit zu leugnen, und sind …
In Geschlossene Gesellschaft betrete ich einen Salon ohne Fenster und ohne Spiegel. Nichts schreit, nichts brennt, doch die Ruhe täuscht. Garcin, Inès und Estelle treten ein und verlieren sofort die Möglichkeit zur Flucht. Der Raum wirkt wie ein höflicher Empfang, tatsächlich ist er ein Versuchsaufbau. Ich spüre von Beginn an, wie Höflichkeit in Kontrolle kippt und wie schnell aus Smalltalk ein Geständnis wird.
Auch der zweite Schritt in „Geschlossene Gesellschaft“ bestätigt den Verdacht. Garcin verlangt Anerkennung für eine Vergangenheit, die er selbst nicht glaubt. Inès benutzt den Blick wie ein Werkzeug der Demontage. Estelle sucht ein Spiegelbild und findet nur Zeugen, die nicht blinzeln. Das Zimmer verwandelt sich in ein System aus gegenseitigen Urteilen. Kein Wärter ist nötig. Die anderen reichen aus, um Selbstbilder zu verfestigen und Schuld festzunageln.
Beim Lesen erkenne ich die Logik der mauvaise foi. Wir flüchten in Rollen, um Freiheit zu leugnen, und sind gerade dadurch verantwortlich. Ein kurzer Moment öffnet die Tür, doch niemand geht. Stolz und Bedürftigkeit halten fester als Ketten. Der berühmte Satz, dass die Hölle die anderen seien, trifft mich nicht als Misstrauen gegen Menschen. Er liest sich wie eine Diagnose: Die Hölle beginnt dort, wo der andere nur noch als Urteil existiert und nicht mehr als Gegenüber, mit dem Gespräch möglich bleibt.
Sartres Sprache bleibt knapp und gelassen. Der Bühnenraum funktioniert wie ein Labor. Ich verlasse den Text mit einem nüchternen Schrecken, der weiterarbeitet. Freiheit erlaubt keine Ausreden. Liebe ohne Verantwortung verfehlt. Ein Selbstbild ohne Rücksicht wird zur Waffe. Ausgerechnet ein geschlossenes Zimmer öffnet meinen Blick auf das, was zwischen uns liegt, jetzt und hier.








