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Kein Feuer, nur Blicke: Mein Besuch in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“

In Geschlossene Gesellschaft betrete ich einen Salon ohne Fenster und ohne Spiegel. Nichts schreit, nichts brennt, doch die Ruhe täuscht. Garcin, Inès und Estelle treten ein und verlieren sofort die Möglichkeit zur Flucht. Der Raum wirkt wie ein höflicher Empfang, tatsächlich ist er ein Versuchsaufbau. Ich spüre von Beginn an, wie Höflichkeit in Kontrolle kippt und wie schnell aus Smalltalk ein Geständnis wird.

Auch der zweite Schritt in „Geschlossene Gesellschaft“ bestätigt den Verdacht. Garcin verlangt Anerkennung für eine Vergangenheit, die er selbst nicht glaubt. Inès benutzt den Blick wie ein Werkzeug der Demontage. Estelle sucht ein Spiegelbild und findet nur Zeugen, die nicht blinzeln. Das Zimmer verwandelt sich in ein System aus gegenseitigen Urteilen. Kein Wärter ist nötig. Die anderen reichen aus, um Selbstbilder zu verfestigen und Schuld festzunageln.

Beim Lesen erkenne ich die Logik der mauvaise foi. Wir flüchten in Rollen, um Freiheit zu leugnen, und sind …

reviewed Die gerettete Zunge by Elias Canetti (Fischer-Taschenbücher, #2083)

Elias Canetti: Die gerettete Zunge (Paperback, German language, 1979, Fischer-Taschenbuch-Verlag)

Elias Canettis Kindheitsbuch, das uns mit Spannung die Schilderung seiner eigenen Lehrjahre erwarten läßt, ist …

Zunge, Stimme, Herkunft: Mein Blick auf Canettis Kindheit

Ich lese Elias Canettis „Die gerettete Zunge“ als Erinnerungsarbeit über die Geburt einer Stimme. Aus dem vielsprachigen Rustschuk an der Donau führt der Weg der Familie nach Manchester, dann nach Wien, und später noch nach Zürich. Früh bricht die Kindheit: Der Vater stirbt, die Mutter wird Lehrerin. Sie zwingt den Sohn ins Deutsche, und er lernt, dass Sprache nicht nur gehört, sondern bestanden werden muss.

Mich bewegt, wie Canetti Herkunft als Klangraum begreift: Märkte und wechselnde Sprachen formen ein Ohr, das später Schrift wird. Das titelgebende Motiv: Ein Mann droht dem Kind, die Zunge abzuschneiden; gerettet bleibt, was sprechen kann. Von da an wird das Wort zugleich Zuflucht und Aufgabe.

Die Stationen des Buchs sind Innenräume: Schulzimmer, Küchen, Bibliotheken. Canetti protokolliert Gesten, Blicke, Sätze; er verurteilt, doch er vergisst nichts. In der strengen Beziehung zur Mutter zeigt sich die Schule des genauen Hinsehens – und der Preis der …

reviewed Mein Katalonien by George Orwell (Diogenes-Taschenbuch)

George Orwell: Mein Katalonien (Paperback, German language, 1975, Diogenes Verlag)

[Homage to Catalonia][1] is [George Orwell][2]'s account of his experiences fighting in the 'Spanish Civil …

Staub, Ideale, Schüsse: Mein Blick auf Orwells „Mein Katalonien“

Ich lese George Orwells Bericht als nüchternes Zeugnis über Hoffnung und Zerfall. Als er in das revolutionäre Barcelona des Winters 1936 kommt, atmet er Gleichheit: Arbeiter tragen Gewehre, Titel verschwinden, Höflichkeit hat eine neue Grammatik. Ich spüre diese Wärme und zugleich das Misstrauen der Zeitungen, die schon damals mehr Partei als Chronik sind. George Orwell schließt sich der POUM-Miliz an; nicht aus Theoriebegeisterung, sondern aus praktischer Solidarität.

An der Aragon-Front lerne ich mit ihm die Langsamkeit des Krieges: Kälte, Schlamm, Mangel an Patronen, Gewehre aus anderen Kriegen, Warten, das in die Knochen zieht. Kameradschaft wird zum einzigen Luxus. Zwischen Scherzen am Feuer und nächtlichen Posten bleibt die Gefahr konkret: Schüsse aus Huesca, eine Landschaft aus Dürre und improvisierten Gräben. Als Orwell von einer Kugel am Hals getroffen wird, lese ich sein Staunen über das fragile, doch zähe Leben.

Zurück in Barcelona stoße ich mit ihm in die Maikämpfe …

Toni Morrison: Sula (Uniform Collected Editions) (Hardcover, 1993, Chatto and Windus)

Two girls who grow up to become women. Two friends who become something worse than …

Freundschaft, Schuld, Echo: Mein Blick auf Toni Morrisons Sula

Ich lese Toni Morrisons Sula als Chronik einer Freundschaft, die eine ganze Gemeinde spiegelt. Im „Bottom“, einem schwarzen Viertel oberhalb von Medallion, wachsen Sula Peace und Nel Wright nebeneinander auf: Nel sucht Ordnung, Sula sucht Freiheit. Früh ahne ich, dass beide Haltungen einander brauchen und verletzen.

Ein Unglück am Fluss – der Tod des Jungen Chicken Little – brennt sich mir ein. Das Schweigen darüber wird zum unsichtbaren Faden, der Jahre später reißt. Sula verlässt den Ort, kehrt 1927 zurück und trägt einen Blick, der keine Entschuldigung führt. Mit ihr kommen Zeichen und Misstöne: ein Amselschwarm, altes Gerede, die Angst der Nachbarn. Als Sula mit Nels Mann Jude schläft, bricht die zarte Balance. Die Gemeinde formiert sich gegen Sula und findet paradoxerweise gerade dadurch Halt.

Mich bewegt, wie Toni Morrison Verantwortung verteilt: auf Familien, auf eine Stadt, auf Geschichte. Eva, die Großmutter mit dem amputierten Bein, Hannah, die …

Gabriel García Márquez: Strange Pilgrims (Paperback, 2006, Vintage)

Analyse : Contes

A l'image des histoires qui les animent, ces vagabonds sont d'étranges …

Fremde Zimmer, vertraute Geister: Mein Weg durch „Strange Pilgrims“

Ich lese Gabriel García Márquez’ Erzählband als Landkarte der Entfremdung. Lateinamerikaner treiben durch europäische Städte, und ich spüre in jedem Hotelzimmer, Wartezimmer, Konsulatsschalter die leichte Verschiebung des Bodens. Fremdheit ist hier kein Spektakel, sondern eine Temperatur: kühler als zu Hause, aber klarer. Das Wunderbare tritt nicht mit Paukenschlag auf, sondern wie ein kaum hörbarer Ton, der erst in der Stille der Ferne verständlich wird.

Die Geschichten zeigen Menschen, die zwischen Pässen, Prophezeiungen und Zufällen leben. Eine alte Frau richtet ihr Begräbnis so sorgfältig wie einen Sonntagskaffee aus; ein Mann wartet auf Heilung, die vielleicht erst im Glauben geschieht; eine Liebesgeschichte verläuft im Schnee, bis Blut die Spur schreibt; eine andere Figur verhandelt mit der Bürokratie, als wäre sie mit einem Geist verwandt. Ich fühle mich zärtlich angefasst von dieser Mischung aus Alltagsgenauigkeit und sanfter Magie: Nichts ist laut, und doch stimmen die Räume plötzlich in ein Choral der …

Orhan Pamuk: My Name Is Red (Paperback, 2002, Vintage)

At once a fiendishly devious mystery, a beguiling love story, and a brilliant symposium on …

Goldgrund, Geheimnis, Gesicht: Mein Weg durch „Rot ist mein Name“

Ich lese Orhan Pamuks Roman als funkelndes Mosaik aus Kunsttheorie, Liebesgeschichte und Kriminalfall. Pamuk, erster türkischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur, führt mich ins Istanbul des Jahres 1591, in Werkstätten voller Tinte, Leim und Zinnober. Gleich die ersten Seiten öffnen Stimmen, die sonst stumm bleiben: ein Toter, ein Hund, ein Goldstück, die Farbe Rot. Diese Perspektivwechsel wirken auf mich wie ein Zyklus aus Miniaturen, in dem jedes Bild ein anderes beleuchtet.

Im Zentrum stehen Kara, nach Jahren in die Stadt zurückgekehrt, und seine Jugendliebe Şeküre, die mit Klugheit und Vorsicht für sich und ihre Söhne handelt. Karas Onkel Enischte betreut einen geheimen Auftrag des Sultans, der westliche Perspektive heimlich bewundern lässt. Drei Meistermaler arbeiten daran: Schmetterling, Storch und Olive. Einer von ihnen ist der Mörder des Kollegen. Während Kaffeehäuser Gleichnisse streuen und die Stadt tuschelt, tastet Kara zwischen Liebe, Loyalität und Wahrheit vorwärts.

Der Roman verhandelt …

Steinbeck: The Pearl (Steinbeck "Essentials") (2001, Penguin Books Ltd)

A novel.

Perle, Preis, Verlust: Mein Blick auf Steinbecks Die Perle

Ich lese John Steinbecks „Die Perle“ als biblisch klare Parabel über Hoffnung und ihren Preis. In einer armen Fischersiedlung werden Kino, Juana und ihr Baby Coyotito von einem winzigen Stich ins Drama gestoßen: ein Skorpion, ein Arzt, der die Tür verschließt, weil Armut nicht zahlt. Als Kino in der Lagune die „Perle der Welt“ findet, spüre ich zunächst einen hellen Ruck nach vorn. Träume treten hervor, als wären sie lange unter Wasser gehalten worden: Schule für Coyotito, eine richtige Hochzeit, ein Gewehr, ein Leben mit Namen.

Doch die Perle beginnt, Blicke zu sammeln. Händler spielen ein abgesprochenes Spiel, Nachbarn flüstern, Fremde schleichen nachts. Der Arzt kehrt zurück, plötzlich dienstbereit, und doch bleibt seine Hand kalt. In Kinos innerem Chor aus Liedern mischt sich das „Lied des Bösen“ unter das „Lied der Familie“. Ich merke, wie Besitz die Zeit vergiftet: Das Haus brennt, das Kanu wird zerstört, die Familie flieht …

Antoine de Saint-Exupéry: The little prince (EBook, 2016, HARCOURT)

An aviator whose plane is forced down in the Sahara Desert encounters a little prince …

Wüste, Rose, Fuchs: Mein Weg mit „Der kleine Prinz“

Wenn ich Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ lese, halte ich ein leises Rettungsbuch in den Händen. Ein Pilot stürzt in der Sahara ab, allein mit Werkzeug, Durst und der nüchternen Logik der Erwachsenen. Dann steht plötzlich ein Kind vor ihm und bittet um eine Zeichnung: ein Schaf. Diese schlichte Bitte sprengt meine Routine. In der kargen Wüste, wo nichts ablenkt, werden Fragen lauter, und Antworten müssen tragen.

Der kleine Prinz kommt von einem winzigen Asteroiden, bewacht von Vulkanen und einer Rose, die stolz, empfindlich und verletzlich ist. Missverständnisse treiben ihn fort. Auf seinen Zwischenstationen lerne ich erwachsene Fixierungen kennen: einen König, der um jeden Preis gehorcht werden will; einen Eitlen, der Applaus trinkt; einen Säufer, der trinkt, um das Trinken zu vergessen; einen Geschäftsmann, der Sterne besitzt, ohne sie zu sehen; einen Laternenanzünder, der treu dient, ohne nach Sinn zu fragen; einen Geografen, der kartiert, ohne zu berühren. …