Peter73 reviewed Und sagte kein einziges Wort by Heinrich Böll
Stille zwischen Trümmern: Mein Blick auf „Und sagte kein einziges Wort“
5 stars
Ich lese Heinrich Bölls Roman als leises Nachkriegsgespräch, das kaum gesprochen wird. Köln liegt noch im Staub der Trümmer, und zwischen Wohnungsnot, knappen Löhnen und kirchlicher Strenge versucht ein Ehepaar, sich nicht zu verlieren. Abwechselnd höre ich seine und ihre Stimme; zwei Innenräume, die sich berühren und doch oft aneinander vorbeigehen. Ich spüre die Müdigkeit, die von Schichtarbeit und endlosem Haushalten kommt, das schmerzliche Rechnen mit Münzen, die Schuldgefühle über kleine Fluchten in Kneipen, Kinos, Kirchenbänke. Ein Wochenende im billigen Hotel soll Nähe zurückholen, aber selbst dort drängen Lärm, Scham und Gewissen durch die dünnen Wände. Die Liebe ist da, tastend, doch vom Alltag verschluckt.
Mich berührt die Genauigkeit, mit der Böll die Armut der Gefühle zeigt, die aus materieller Armut wächst: Man schweigt, um den anderen nicht zu belasten; man verschweigt, weil man ihn nicht enttäuschen will; am Ende fehlt die Sprache, weil sie zu teuer geworden ist. …
Ich lese Heinrich Bölls Roman als leises Nachkriegsgespräch, das kaum gesprochen wird. Köln liegt noch im Staub der Trümmer, und zwischen Wohnungsnot, knappen Löhnen und kirchlicher Strenge versucht ein Ehepaar, sich nicht zu verlieren. Abwechselnd höre ich seine und ihre Stimme; zwei Innenräume, die sich berühren und doch oft aneinander vorbeigehen. Ich spüre die Müdigkeit, die von Schichtarbeit und endlosem Haushalten kommt, das schmerzliche Rechnen mit Münzen, die Schuldgefühle über kleine Fluchten in Kneipen, Kinos, Kirchenbänke. Ein Wochenende im billigen Hotel soll Nähe zurückholen, aber selbst dort drängen Lärm, Scham und Gewissen durch die dünnen Wände. Die Liebe ist da, tastend, doch vom Alltag verschluckt.
Mich berührt die Genauigkeit, mit der Böll die Armut der Gefühle zeigt, die aus materieller Armut wächst: Man schweigt, um den anderen nicht zu belasten; man verschweigt, weil man ihn nicht enttäuschen will; am Ende fehlt die Sprache, weil sie zu teuer geworden ist. Religion erscheint nicht als Trostformel, sondern als ernste Prüfung: Beichte, Pflicht, Versuch, im Ritus Halt zu finden, ohne sich zu verraten. Ich empfinde keinen Zorn auf die Figuren, nur ein tiefes Mitfühlen für ihre Anstrengung, Anstand zu bewahren, während die Stadt noch Atem holt.
Stilistisch erlebt ich das Buch als dokumentarisch genau und zugleich zärtlich. Die Sätze sind knapp, nüchtern, ohne Pathos; gerade diese Schlichtheit leuchtet. Aus kleinen Gesten – eine Tasse Kaffee, ein Blick auf Schuhe, das Falten eines Mantels – baut Böll ein moralisches Panorama der frühen Bundesrepublik. Am Ende bleibt für mich keine große Versöhnung, aber eine Hoffnung: dass Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und ein erstes, mutiges Wort die Stille brechen können. Dieses Buch hat mich still gemacht – und wach.