Peter73 reviewed One Christmas by Truman Capote
Lametta und Leerstelle: Mein Blick auf „One Christmas“ von Truman Capote
4 stars
Ich lese „One Christmas“ als leise, klare Erinnerung an ein einziges Fest, das zugleich Annäherung und Abschied ist. Ein Junge – Capotes Alter Ego – fliegt allein zu seinem Vater nach New Orleans. Schon diese Reise trägt Schwindel und Hoffnung: Ich fühle die flirrende Wärme der Stadt, das Versprechen von Glanz, und darunter die Angst, dass Nähe nur für ein paar Tage gemietet ist.
Der Vater erscheint charmant, elegant, beinahe funkelnd. Er spricht von Möglichkeiten, von großen Geschenken, von einem Leben, das sich selbst verkauft wie eine Auslage im Schaufenster. Ich spüre, wie der Junge in diesen Ton hineinhört und sich nach Anerkennung sehnt. Doch Truman Capote zeigt mir die zweite Schicht: Der Mann ist nicht nur Verführer, er ist auch Getriebener – statushungrig, unsicher, auf den Blick der anderen angewiesen. Eine wohlhabende Dame tritt auf, beiläufig und doch entscheidend; plötzlich wird das Kind zum Beweisstück eines bürgerlichen Traums.
…Ich lese „One Christmas“ als leise, klare Erinnerung an ein einziges Fest, das zugleich Annäherung und Abschied ist. Ein Junge – Capotes Alter Ego – fliegt allein zu seinem Vater nach New Orleans. Schon diese Reise trägt Schwindel und Hoffnung: Ich fühle die flirrende Wärme der Stadt, das Versprechen von Glanz, und darunter die Angst, dass Nähe nur für ein paar Tage gemietet ist.
Der Vater erscheint charmant, elegant, beinahe funkelnd. Er spricht von Möglichkeiten, von großen Geschenken, von einem Leben, das sich selbst verkauft wie eine Auslage im Schaufenster. Ich spüre, wie der Junge in diesen Ton hineinhört und sich nach Anerkennung sehnt. Doch Truman Capote zeigt mir die zweite Schicht: Der Mann ist nicht nur Verführer, er ist auch Getriebener – statushungrig, unsicher, auf den Blick der anderen angewiesen. Eine wohlhabende Dame tritt auf, beiläufig und doch entscheidend; plötzlich wird das Kind zum Beweisstück eines bürgerlichen Traums.
Die Rituale der Saison – Santa, Wunschzettel, Christbaum – wirken wie kleine Bühnen. Geschenke werden zu Währungen von Zuneigung. Ich ertappe mich beim Mitfiebern, beim Wünschen, dass ein überreich bestückter Morgen die Risse klebt. Stattdessen entfaltet sich eine stille Enttäuschung: Versprechen schrumpfen, Gesten kippen ins Taktische. Und dennoch gibt es Augenblicke von Warmherzigkeit, so kurz wie Kerzenflackern, in denen der Vater nicht glänzt, sondern einfach da ist.
Capotes Sprache trägt das alles mit sanfter Präzision: feine Bilder, trockener Humor, eine kindliche Perspektive, die von erwachsener Erinnerung gesäumt ist. Ich lese langsam, weil jede Szene doppelt spricht – einmal in Lamettafarben, einmal in grauem Tageslicht. Am Ende bleibt kein Skandal, sondern ein Nachgeschmack aus Süße und Salz. „One Christmas“ zeigt mir, wie eine einzige Weihnacht das ganze Verhältnis zu einem Elternteil beleuchten kann: nicht als Abrechnung, sondern als zärtliche, schmerzhafte Bestandsaufnahme. Ich lege die Geschichte zu den sehr wenigen, die leise sind und doch lange nachhallen.
