Peter73 reviewed A very easy death by Simone de Beauvoir (Pantheon modern writers series)
Morphium, Wahrheit, Zärtlichkeit: Mein Blick auf Ein sanfter Tod
5 stars
Ich lese Simone de Beauvoirs „Ein sanfter Tod“ als konzentriertes Protokoll der letzten Wochen einer Mutter – und als Selbstbefragung der Tochter. Eine banale Verletzung führt ins Krankenhaus, Diagnosen folgen, Eingriffe, Morphin. Während ich Seite um Seite begleite, spüre ich, wie aus Alltagsgesten – Waschen, Kämmen, Wachen am Bett – eine Ethik der Nähe wird. Die Mutter, gläubig und würdevoll, die Tochter, nüchtern und skeptisch: Zwischen beiden entsteht eine stille, ernste Zärtlichkeit, die mich trifft, weil sie ohne Pathos auskommt. Beauvoir zeigt eine Medizin der 1960er Jahre, die vieles weiß und wenig erklärt; Ärzte schonen, indem sie verschweigen, und gerade das verschärft den Schmerz der Angehörigen.
Mich beschäftigt die Spannung zwischen Wahrheit und Hoffnung. Soll man sagen, was bevorsteht? Beauvoir ringt mit der Antwort, rechnet mit sich, registriert Eitelkeiten, Angst, Scham – auch die eigene. Die Rollen verkehren sich: Die Tochter hält die Hand, ordnet Papiere, entscheidet über Medikamente …
Ich lese Simone de Beauvoirs „Ein sanfter Tod“ als konzentriertes Protokoll der letzten Wochen einer Mutter – und als Selbstbefragung der Tochter. Eine banale Verletzung führt ins Krankenhaus, Diagnosen folgen, Eingriffe, Morphin. Während ich Seite um Seite begleite, spüre ich, wie aus Alltagsgesten – Waschen, Kämmen, Wachen am Bett – eine Ethik der Nähe wird. Die Mutter, gläubig und würdevoll, die Tochter, nüchtern und skeptisch: Zwischen beiden entsteht eine stille, ernste Zärtlichkeit, die mich trifft, weil sie ohne Pathos auskommt. Beauvoir zeigt eine Medizin der 1960er Jahre, die vieles weiß und wenig erklärt; Ärzte schonen, indem sie verschweigen, und gerade das verschärft den Schmerz der Angehörigen.
Mich beschäftigt die Spannung zwischen Wahrheit und Hoffnung. Soll man sagen, was bevorsteht? Beauvoir ringt mit der Antwort, rechnet mit sich, registriert Eitelkeiten, Angst, Scham – auch die eigene. Die Rollen verkehren sich: Die Tochter hält die Hand, ordnet Papiere, entscheidet über Medikamente und merkt, wie dünn das philosophische Vokabular wird, wenn die Atemzüge zählen. „Sanft“ ist an diesem Tod höchstens der letzte Übergang; der Weg dorthin ist karg, manchmal demütigend, und doch leuchten Augenblicke von Humor und Nähe auf, die ich als Leser dankbar festhalte.
Stilistisch ist das Buch knapp, klar, ohne Schonung. Keine großen Theorien, sondern präzise Beobachtungen: das Rascheln der Laken, das Zögern vor einer schmerzhaften Wahrheit, das Aufatmen nach einer Nacht ohne Schreie. Gerade diese Nüchternheit macht das Buch tröstlich. Es verklärt nichts und entwürdigt nichts; es hält aus. Für mich ist „Ein sanfter Tod“ weniger eine Chronik des Sterbens als ein Lehrstück über Begleitung: aufmerksam sein, ohne zu vereinnahmen; standhalten, ohne zu romantisieren; lieben, ohne zu lügen. Ich lege das Buch bewegt beiseite – mit dem Gefühl, dass Sanftheit nicht im Sterben liegt, sondern in der Art, wie wir einander bis zuletzt ansehen.