Peter73 reviewed My Name Is Red by Orhan Pamuk
Goldgrund, Geheimnis, Gesicht: Mein Weg durch „Rot ist mein Name“
5 stars
Ich lese Orhan Pamuks Roman als funkelndes Mosaik aus Kunsttheorie, Liebesgeschichte und Kriminalfall. Pamuk, erster türkischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur, führt mich ins Istanbul des Jahres 1591, in Werkstätten voller Tinte, Leim und Zinnober. Gleich die ersten Seiten öffnen Stimmen, die sonst stumm bleiben: ein Toter, ein Hund, ein Goldstück, die Farbe Rot. Diese Perspektivwechsel wirken auf mich wie ein Zyklus aus Miniaturen, in dem jedes Bild ein anderes beleuchtet.
Im Zentrum stehen Kara, nach Jahren in die Stadt zurückgekehrt, und seine Jugendliebe Şeküre, die mit Klugheit und Vorsicht für sich und ihre Söhne handelt. Karas Onkel Enischte betreut einen geheimen Auftrag des Sultans, der westliche Perspektive heimlich bewundern lässt. Drei Meistermaler arbeiten daran: Schmetterling, Storch und Olive. Einer von ihnen ist der Mörder des Kollegen. Während Kaffeehäuser Gleichnisse streuen und die Stadt tuschelt, tastet Kara zwischen Liebe, Loyalität und Wahrheit vorwärts.
Der Roman verhandelt …
Ich lese Orhan Pamuks Roman als funkelndes Mosaik aus Kunsttheorie, Liebesgeschichte und Kriminalfall. Pamuk, erster türkischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur, führt mich ins Istanbul des Jahres 1591, in Werkstätten voller Tinte, Leim und Zinnober. Gleich die ersten Seiten öffnen Stimmen, die sonst stumm bleiben: ein Toter, ein Hund, ein Goldstück, die Farbe Rot. Diese Perspektivwechsel wirken auf mich wie ein Zyklus aus Miniaturen, in dem jedes Bild ein anderes beleuchtet.
Im Zentrum stehen Kara, nach Jahren in die Stadt zurückgekehrt, und seine Jugendliebe Şeküre, die mit Klugheit und Vorsicht für sich und ihre Söhne handelt. Karas Onkel Enischte betreut einen geheimen Auftrag des Sultans, der westliche Perspektive heimlich bewundern lässt. Drei Meistermaler arbeiten daran: Schmetterling, Storch und Olive. Einer von ihnen ist der Mörder des Kollegen. Während Kaffeehäuser Gleichnisse streuen und die Stadt tuschelt, tastet Kara zwischen Liebe, Loyalität und Wahrheit vorwärts.
Der Roman verhandelt die Frage, was ein Bild darf. Darf ein Maler Handschrift zeigen, wenn traditionelle Vollkommenheit in der Entpersönlichung liegt. Ist Zentralperspektive Erkenntnis oder Anmaßung. Die Legende vom erblindenden Meister erscheint mir wie ein Gelübde, das Ich zu opfern, damit die göttliche Ordnung ungebrochen bleibt. In der Werkstatt werden Linien, Schatten und Goldstaub zu Argumenten über Zeit, Ruhm und Glauben. Je tiefer ich lese, desto deutlicher spüre ich das Ringen zwischen Überlieferung und Erfindung, zwischen Gehorsam und Selbstbehauptung.
Stilistisch begegnet mir ein Atlas von Stimmen. Jeder Abschnitt ist eine Miniatur mit eigenem Licht, die Krimistruktur hält Spannung, doch der eigentliche Nerv liegt in den Fragen, die die Bilder stellen. Şeküre bleibt für mich kein Ornament der Handlung, sondern eine eigenständige Akteurin, die in einer Welt aus Türen, Vorhängen und Gerüchten ihre Entscheidungen trifft. Am Ende bleibt kein simples Urteil. Liebe verlangt Mut, Kunst verlangt Gesicht, und Wahrheit verlangt oft beides. „Rot ist mein Name“ verführt mit Glanz und prüft mit Ernst. Ich klappe das Buch zu und trage Rot noch lange im Blick, als hätte der Goldgrund einen Rest von Licht auf meine Gedanken gelegt.