Peter73 reviewed Narziss und Goldmund by Hermann Hesse
Zwischen Geist und Leben: Hermann Hesses Narziss und Goldmund als Dualitätsroman der Selbstsuche
5 stars
Hermann Hesses Roman Narziss und Goldmund, erstmals 1930 veröffentlicht, stellt eine vielschichtige Erzählung über das menschliche Streben nach Identität, Sinn und innerem Gleichgewicht dar. Im Zentrum stehen zwei gegensätzliche Charaktere – Narziss, der asketische, geistige Mönch, und Goldmund, der lebenshungrige, sinnliche Künstler. Ihre Verbindung beginnt in einem mittelalterlichen Kloster, entwickelt sich jedoch zu einer lebenslangen inneren und äußeren Reise, die über die klassische Freundschaft hinaus zu einer symbolischen Auseinandersetzung mit existenziellen Grundfragen wird.
Narziss verkörpert den logoshaften, intellektuell-analytischen Zugang zur Welt. Er lebt in geistiger Disziplin, Selbstkontrolle und metaphysischer Orientierung. Goldmund hingegen repräsentiert das dionysische Prinzip: Kreativität, Sinnlichkeit, Naturverbundenheit und die Suche nach dem unmittelbaren Erleben. Ihre Wege trennen sich früh – Goldmund verlässt das Kloster, um das Leben in all seinen Facetten zu erkunden: Liebe, Kunst, Schmerz, Tod und Vergänglichkeit.
Im Laufe der Handlung erfährt Goldmund sowohl ekstatische Höhepunkte als auch tiefe Krisen, stets auf der Suche nach …
Hermann Hesses Roman Narziss und Goldmund, erstmals 1930 veröffentlicht, stellt eine vielschichtige Erzählung über das menschliche Streben nach Identität, Sinn und innerem Gleichgewicht dar. Im Zentrum stehen zwei gegensätzliche Charaktere – Narziss, der asketische, geistige Mönch, und Goldmund, der lebenshungrige, sinnliche Künstler. Ihre Verbindung beginnt in einem mittelalterlichen Kloster, entwickelt sich jedoch zu einer lebenslangen inneren und äußeren Reise, die über die klassische Freundschaft hinaus zu einer symbolischen Auseinandersetzung mit existenziellen Grundfragen wird.
Narziss verkörpert den logoshaften, intellektuell-analytischen Zugang zur Welt. Er lebt in geistiger Disziplin, Selbstkontrolle und metaphysischer Orientierung. Goldmund hingegen repräsentiert das dionysische Prinzip: Kreativität, Sinnlichkeit, Naturverbundenheit und die Suche nach dem unmittelbaren Erleben. Ihre Wege trennen sich früh – Goldmund verlässt das Kloster, um das Leben in all seinen Facetten zu erkunden: Liebe, Kunst, Schmerz, Tod und Vergänglichkeit.
Im Laufe der Handlung erfährt Goldmund sowohl ekstatische Höhepunkte als auch tiefe Krisen, stets auf der Suche nach einer Wahrheit jenseits von Dogma und System. Narziss bleibt im Kloster, doch auch er ist durch die Verbindung mit Goldmund innerlich herausgefordert. Erst Jahre später begegnen sie sich erneut – reifer, gezeichnet, aber einander in tiefer Freundschaft verbunden.
Der Roman arbeitet stark mit symbolischen und archetypischen Elementen: Mutter- und Vaterbilder, Natur und Geist, Eros und Logos. Dabei verzichtet Hesse auf einfache Wertungen. Weder der Weg Narziss’ noch jener Goldmunds wird als überlegen dargestellt; vielmehr entsteht zwischen beiden Polen eine produktive Spannung, in der sich das Menschsein in seiner ganzen Ambivalenz entfaltet.
Narziss und Goldmund ist somit nicht nur ein Bildungs- und Freundschaftsroman, sondern auch ein poetisch-philosophisches Werk über die Polarität menschlicher Existenz – und über die Möglichkeit, in dieser Spannung zur Reife und zu innerem Frieden zu finden.