Peter73 reviewed Mein Katalonien by George Orwell (Diogenes-Taschenbuch)
Staub, Ideale, Schüsse: Mein Blick auf Orwells „Mein Katalonien“
5 stars
Ich lese George Orwells Bericht als nüchternes Zeugnis über Hoffnung und Zerfall. Als er in das revolutionäre Barcelona des Winters 1936 kommt, atmet er Gleichheit: Arbeiter tragen Gewehre, Titel verschwinden, Höflichkeit hat eine neue Grammatik. Ich spüre diese Wärme und zugleich das Misstrauen der Zeitungen, die schon damals mehr Partei als Chronik sind. George Orwell schließt sich der POUM-Miliz an; nicht aus Theoriebegeisterung, sondern aus praktischer Solidarität.
An der Aragon-Front lerne ich mit ihm die Langsamkeit des Krieges: Kälte, Schlamm, Mangel an Patronen, Gewehre aus anderen Kriegen, Warten, das in die Knochen zieht. Kameradschaft wird zum einzigen Luxus. Zwischen Scherzen am Feuer und nächtlichen Posten bleibt die Gefahr konkret: Schüsse aus Huesca, eine Landschaft aus Dürre und improvisierten Gräben. Als Orwell von einer Kugel am Hals getroffen wird, lese ich sein Staunen über das fragile, doch zähe Leben.
Zurück in Barcelona stoße ich mit ihm in die Maikämpfe …
Ich lese George Orwells Bericht als nüchternes Zeugnis über Hoffnung und Zerfall. Als er in das revolutionäre Barcelona des Winters 1936 kommt, atmet er Gleichheit: Arbeiter tragen Gewehre, Titel verschwinden, Höflichkeit hat eine neue Grammatik. Ich spüre diese Wärme und zugleich das Misstrauen der Zeitungen, die schon damals mehr Partei als Chronik sind. George Orwell schließt sich der POUM-Miliz an; nicht aus Theoriebegeisterung, sondern aus praktischer Solidarität.
An der Aragon-Front lerne ich mit ihm die Langsamkeit des Krieges: Kälte, Schlamm, Mangel an Patronen, Gewehre aus anderen Kriegen, Warten, das in die Knochen zieht. Kameradschaft wird zum einzigen Luxus. Zwischen Scherzen am Feuer und nächtlichen Posten bleibt die Gefahr konkret: Schüsse aus Huesca, eine Landschaft aus Dürre und improvisierten Gräben. Als Orwell von einer Kugel am Hals getroffen wird, lese ich sein Staunen über das fragile, doch zähe Leben.
Zurück in Barcelona stoße ich mit ihm in die Maikämpfe 1937: Barrikaden, Gerüchte, Parteisender, die Wahrheit amputieren. Die Kommunisten kriminalisieren die POUM, die Polizei verhaftet Genossen, Akten ersetzen Gesichter. Orwell verschwindet beinahe in einem Netz aus Denunziationen; nur Zufälle sichern die Flucht. Ich empfinde Zorn, weil der Feind nicht nur vorn liegt, sondern im eigenen Rücken schreibt.
Stilistisch überzeugt mich die klare Prosa: keine heroische Pose, sondern Prüfbericht. Orwell legt Daten, Beobachtungen, Widersprüche nebeneinander und überlässt mir die Scham über Lügen, die zu Kugeln werden. „Mein Katalonien“ ist für mich ein Buch über Wahrhaftigkeit im Nebel der Ideologien, über tapfere Fehler und besonnene Treue. Ich klappe es zu mit Respekt für die einfachen Soldaten, deren Mut sich im Stillen vollzieht, und mit einer Verpflichtung: Wörter so zu verwenden, dass sie dem, was geschah, dienen.
Gleichzeitig bleibt mir die Erfahrung Barcelonas: Kontrolleure ohne Unterwürfigkeit, improvisierte Kassen, Anreden, die niemanden klein machen. Diese Gleichheit war brüchig, aber real; sie erklärt, warum Enttäuschung schmerzte und Loyalität Sinn behält. Zu lernen bleibt: Klarheit auch gegen den eigenen Block.